Vizinalbahn von Georgensgmünd nach Spalt

Abseits bedeutender Handelsstrassen lag die Stadt Spalt isoliert und galt lange als vernachlässigt. Die Haupterwerbsgrundlage bot der Hopfenanbau. Der bescheidene Wohlstand der Bevölkerung war daher abhängig vom Ernteerfolg der Hopfendolden, die sich für den feinherben Geschmack des Bieres verantwortlich zeichnen. Als die Ludwig-Süd-Nordbahn projektiert wurde, plante man wegen der günstigeren Topographie die Strecke von Gunzenhausen über Spalt nach Georgensgmünd zu führen. In Spalt bestand jedoch wegen der Rauchentwicklung der Lokomotiven Sorge, die Qualität des Hopfens negativ zu beeinflussen. Ob die abneigende Haltung des Spalter Magistrats für den Trassenverlauf über Pleinfeld ausschlaggebend war, kann man nur vermuten. Der Spalter Winkel blieb weiter im Abseits.

- Spalter Bockl -

Coloration: Jürgen Dill
Lokalbahn-Ecke
Hauptseite
Modellbahn-Ecke
Spalter Bockl
Oberfranken
Mittelfranken
Unterfranken

Nachdem landauf die Skepsis zur Eisenbahn der Erkenntnis eindeutiger wirtschaftlicher Vorteile gewichen war, erhob sich der Bezirksamtmann Ulrich Benedikt von Zollern als Initiator der Spalter Eisenbahn heraus. Als 1868 die erste Spalter Hopfenausstellung abgehalten wurde, kam die Notwendigkeit einer Bahn zur Sprache. Die Besucher reisten von weither an, denn der Spalter Hopfen genoss seinerzeit Weltruf. Daher regte das Landwirtschaftliche Kreiskomitee den Bau einer Eisenbahnstrecke Windsheim - Spalt - Georgensgmünd an.

Gemäss dem neuen Vizinalbahn-Gesetz beschloss der Magistrat am 2. Juni 1869 die Projektierung einer von Georgensgmünd ausgehenden Strecke, vorgesehen als erster Abschnitt nach Windsheim. Grunderwerb und Erdarbeiten waren entsprechend dieser Vorgabe nicht vom Staat, sondern von den Interessenten zu erbringen. Dadurch gestaltete sich die Finanzierung für Spalt durchaus schwierig. Im Herbst 1871 begannen die Bauarbeiten und schritten zügig voran. Von der abgebrochenen Stadtmauer wurden sogar Steine für Fundamente verwendet, um das Projekt so sparsam wie möglich zu verwirklichen. Gezogen von der Lokomotive “LEONORE“ erreichte am 18. September 1872 der erste Zug die Hopfen- und Bierstadt im Fränkischen Rezatgrund.

Einen Monat später konnte die Strecke als zweite Vizinalbahn am 16. Oktober 1872 dem Verkehr übergeben werden. Zunächst gab es keine Unterwegsstation, bis 1892 die Haltepunkte Wasserzell und fünf Jahre darauf Hügelmühle hinzu kamen. In den zwanziger Jahren wurden beide Haltepunkte wieder aufgelassen und durch den Haltepunkt Großweingarten ersetzt. Der Volksmund nannte die Strecke schnell “Spalter Bockl”, motiviert von den ruckelnden und schaukelnden Laufeigenschaften der Lokomotiven. Ursprünglich handelte es sich um ältere Typen für den Hauptstreckendienst, die sich aber auf kurzen Verbindungen als unwirtschaftlich erwiesen. Später sollte diese Strecke durch die bayerischen PtL 2/2, besser bekannt als “Glaskasterl” eine gewisse Berühmtheit erlangen. Die Gattung konnte im Einmannbetrieb gefahren werden. Mit der Einsparung des Heizers versuchte man seit 1906 schon frühzeitig effizienter zu wirtschaften.

Bis in den Herbst 1962 prägten diese “Sparbüchsen”, zusammen mit Lokalbahnwagen und Donnerbüchsen das Bild der Strecke. Abgelöst wurden die Veteranen von V 20, V 60 und Köf III. Eisenbahnfreunde waren vom eingesetzten Rollmaterial begeistert, anders sahen das aber die Fahrgäste, welche zunehmend auf das eigene Auto umstiegen. 1964 diskutierte die Bundesbahn erstmals über die Stillegung des Personenverkehrs, durch Einsatz der Gemeinden konnte diese Massnahme aber noch fünf Jahre verzögert werden.

Unter grosser Anteilnahme verabschiedete Spalt am 27. September 1969 den letzten regulären Personenzug. Drei verbliebene Anschlüsse sorgten bis 1994 noch für Güteraufkommen auf der Rezatbahn, wobei der Endbahnhof selbst immer seltener angefahren wurde. Die Abschiedsfahrten am 16 April und 1. Mai 1995 bescherten dem “Bockl” letztmals riesigen Ansturm.

Die Gleisanlagen wurden 1997 bis auf wenige Reste in Spalt zurückgebaut. Der Endbahnhof zeigt sich heute in hervorragend renoviertem Zustand, geschmückt von zwei Güterwagen auf dem verbliebenen Gleis. Das Areal dient inzwischen als “Kulturbahnhof” der örtlichen Musik- und Theaterszene. Die Trasse kann seit 1999 auf kompletter Länge mit dem Fahrrad bereist werden, daneben ist ein “Planetenweg” die neue Streckenattraktion.

Karte der Lokalbahn

Georgensgmünd - Spalt

Betriebsstellen

Kursbuchstrecke 413f Georgensgmünd - Spalt

Georgensgmünd

 

km 0,0

 

Hügelmühle (1897 - 1924)

 

km 3,6

 

Großweingarten (ab 1924)

 

km 4,3

 

Wasserzell bei Spalt (1892-1922)

 

km 5,3

 

Spalt

 

km 6,9

 

Gesetz zum Bau und Betrieb

 

10.07.1870

 

Baubeginn

 

Herbst 1871

 

Eröffnungsfeier

 

18.09.1872

 

Aufnahme des planmäßigen Betriebs

 

16.10.1872

 

Technische Abnahme

 

November 1872

 

Stillegung Personenverkehr

 

28.09.1969

 

Stillegung Gesamtverkehr

 

28.05.1995

 

Abbau der Bahnanlagen

 

1997

 

Streckenchronik

Text: Jürgen Dill

Quellen:

Zur nächsten
Lokalbahn

Diese Bildergalerie zeigt einige Bahnrelikten der Lokalbahn. Aufsteigend nach Streckenkilometer kann man entdecken was an der Strecke noch erhalten geblieben und vom Zahn der Zeit weitgehend verschont geblieben ist. Einige Gebäude sind heute in Privateigentum und werden von den neuen Besitzern liebevoll gepflegt.

Mit einer guten Straßenkarte kann der automobile Eisenbahnfreund die Zeitzeugen des Bahnzeitalters erkunden. Mit einem “Klick” auf das Foto ist ein Besuch der Strecke aber auch auf dieser Seite zu erleben. Viel Spaß dabei.

1 Abbildung in der Bildergalerie

Hopfen und Malz verloren

Lokalbahn-Modelle.de / LINK-TIPP: Weitere Informationen zum Spalter Bockl gibt es auf der Website von FRED HOFMANN


Der “Spalter Bockl” damals & heute