Eisenbahn von Gemünden nach Hammelburg

Als Vizinalbahn geplant, als Sekundärbahn gebaut, als Lokalbahn eröffnet und zur Hauptbahn erweitert. So könnte man die Geschichte dieser reizvollen Strecke im Tal der Fränkischen Saale kurz überschreiben. Aber damit würde man es sich zu einfach machen und die wechselvolle Geschichte der ersten Lokalbahn Bayerns nicht einmal ansatzweise erfassen.

- Saaletalbahn -

Karte der Lokalbahn

Ab Oktober 1854 war die Stadt Gemünden am Main durch die Ludwig-Westbahn frühzeitig an das Eisenbahnnetz angeschlossen; nun sah auch das Staatsbad Kissingen die Chance einen Bahnanschluss zu erhalten. Bereits 1855 schlug Kissingen den Bau einer Eisenbahn von Gemünden, der Fränkischen Saale entlang, nach Meinigen vor. Aus dem selben Jahr stammt der Vorschlag eine Hauptbahn von Gemünden über Kissingen, Münnerstadt, Königshofen, Sonneberg und Probstzella nach Saalfeld zu erbauen. Damit wären nicht nur die Fränkische Saale mit der Sächsischen Saale durch die Eisenbahn verbunden worden, vielmehr stellt dieser Vorschlag die kürzest mögliche Verbindung von Frankfurt nach Leipzig dar. Aber diese Projekte scheiterten und so ging die Entstehungsgeschichte großer Durchgangslinien am Fränkischen Saaletal vorbei.

Als 1866 im deutschen Bruderkrieg das Königreich Bayern in der Rhön große Landverluste verzeichnen musste, beschloss König Ludwig I. den Bau einer Eisenbahnverbindung nach Kissingen, jedoch nicht von Gemünden, sondern von Schweinfurt aus. Fünf Jahre später ging diese Hauptbahn als Stichstrecke der Linie Schweinfurt – Meiningen in Betrieb. Natürlich keimte im Saaletal sofort neue Hoffnung auf und vielerorts wurden Eisenbahnkomitees gegründet. Aber das Städtchen Hammelburg sollte vorerst wieder einmal leer ausgehen, als die Werntalbahn Gemünden – Schweinfurt gut zwanzig Kilometer südlich im Mai 1879 als Hauptbahn in Betrieb ging.

Mit der Verabschiedung des Vizinalbahngesetzes am 29. April 1869 sollten in Bayern abgelegene Landstriche die Möglichkeit eines Bahnanschlusses erhalten. Es bestand aber nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn Erdarbeiten und Grundstückskauf ohne Inanspruchnahme von Geldern der Staatskasse ausgeführt wurden. Leichterer Oberbau und einfachere Ausführung der Trassen sollten die Vizinalbahnen deutlich günstiger machen als Hauptbahnen. 1877 wurde die Strecke Gemünden – Hammelburg – Kissingen projektiert, wegen der ungünstigen Wirtschaftslage unterblieb der Bau aber zunächst. Am 1. Februar 1880 genehmigte man den Bau der Vizinalbahn Gemünden – Hammelburg als ersten Teilabschnitt. Da sich die 15 fertigen Vizinalbahnen nicht rentierten und der Staat hohe Defizite tragen musste, wurde April 1882 das Vizinalbahngesetz geändert und im Gesetz zum Bau von Sekundärbahnen neu geordnet; diese Bahnen wurden jetzt wieder ganz auf Staatskosten gebaut.

Die Saaletalbahn sollte nun als Sekundärbahn einfachster Ausstattung gebaut werden, 1883 dachte man sogar über die Alternative als meterspurige Variante nach. Die reichen Basaltaufkommen des Sodenbergs und die nur geringen Bau-Einsparungen, dagegen hohe Umschlagkosten beim Betrieb gaben schließlich den Ausschlag für eine Vollbahn. Das Städtchen Kissingen avancierte unterdessen zur Kurstadt und durfte ab 1883 den Zusatz „Bad“ tragen. Im Juni begannen die Bauarbeiten entlang der Fränkischen Saale. Die Bahnstrecke zweigt nach Überbrückung der Fränkischen Saalemündung rund 1,5 Kilometer nach Gemünden auf freier Strecke von der Ludwig-Westbahn nach rechts ab und verläuft stets am nördlichen Flußufer bis nach Hammelburg.

In Gräfendorf und Morlesau wurden größere Kreuzungsbahnhöfe angelegt, die Schondrabrücke in Gräfendorf und die Brücke über die Thulba im Ort Diebach waren die größten Kunstbauten der Strecke. Bis Morlesau, der zukünftigen Basaltverladestation unterhalb des Sodenbergs, sollte eine Neigung von 17 Promille wegen der schweren Schotterzüge nicht überschritten werden, danach waren jedoch 25 Promillesteigungen möglich. Der Endbahnhof Hammelburg entstand westlich der Staatstraße nach Brückenau und war mit drei Gleisen, einem Lagegleis, eingleisiger Lokomotivremise und steinernem Bahnhofsgebäude ausgestattet worden.

Die Saaletalbahn war nun fast fertig gestellt und somit als einzig „echte“ Sekundärbahn gebaut worden. Denn am 21.04.1884 wurde das Gesetz nach nur zwei Jahren erneut geändert und das Bayerische Lokalbahngesetz verabschiedet. Am 01. Juli 1884 gegen 6:50 Uhr war es endlich soweit, der Eröffnungszug setzte sich von Hammelburg aus nach Gemünden in Bewegung; rund dreißig Jahre wartete die hiesige Bevölkerung auf ihr „Bähnle“ und der Jubel war groß. Als erste Lokalbahn in Bayern ging die Strecke von Gemünden nach Hammelburg in die Verkehrsgeschichte ein.

In den folgenden Jahren stieg das Transportaufkommen stetig an und die Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen waren mit dem Betrieb sehr zufrieden. Neben umfangreichen Basalt- und Holztransporten wurden auch im Personenverkehr alle Erwartungen erfüllt. Zahlreiche Ausflügler nutzen gerade an Sonn- und Feiertagen die Bahn, um einen Ausflug auf den Sodenberg zu unternehmen. 1895 wurde Hammelburg Garnisonsstadt, fortan mussten regelmäßig Soldaten und Militärgerätschaft transportiert werden. Die umfangreichen Transporte von Basaltgestein trugen nicht unerheblich zum guten Betriebsergebnis bei. Allerdings war der Transport vom Sodenberg zur Verladestation Morlesau sehr beschwerlich. So baute die Firma Leimbach & Co, Nordheim v. d. Rhön 1903 eine Materialseilbahn zum Steinbruch.

Das Staatsbad Kissingen forderte im gleichen Jahr eine Streckenverlängerung als Hauptbahn über Bad Kissingen nach Salz bei Neustadt, um dort in die Strecke Schweinfurt – Meiningen zu münden. Die bestehende Lokalbahn solle im Zuge der Erweiterung zwischen Gemünden und Hammelburg zur Hauptbahn umgebaut werden. Die Staatsbahn sah allerdings nur die Verlängerung als Lokalbahn nach Bad Kissingen chancenreich. Durch Eingabe des Militärs zur Beseitigung der unmöglichen Truppentransporte nach Hammelburg und der erneuten Petition Bad Kissingens vom Februar 1906 war der Antrag zum Aus- und Weiterbau dann doch erfolgreich, zwei Jahre später genehmigte der Landtag den Ausbau.

Gemünden - Hammelburg (vor dem Umbau 1910 zur Hauptbahn)

Hammelburg - Bad Kissingen (Streckenverlängerung als Hauptbahn eröffnet 14.04.1924)

Lokalbahn-Ecke
Hauptseite
Modellbahn-Ecke

Für schnellfahrende Züge mussten engen Gleisbögen und verlorene Steigungen der Lokalbahn beseitigt, schienengleiche Übergänge besser gesichert oder überbrückt werden. Der komplette Langschwellen-Oberbau wurde ersetzt und bestehende Brückenbauten verstärkt. Bereits ab 1910 wurden die Bahnhöfe Gräfendorf und Morlesau als Kreuzungsbahnhöfe erweitert und einige Streckenabschnitte neu trassiert. Nah des Haltepunkts Michelaubrück ist in Fahrtrichtung Hammelburg das alte Planum der Lokalbahn auch heute noch gut zu erkennen. Zwischen Hammelburg und Bad Kissingen entstanden 1913 die ersten Brückenbauwerke der Neubaustrecke.

Der Endbahnhof in Hammelburg wurde als Durchgangsbahnhof komplett neu konzipiert, die Lage der Gleise weiter nördlich in Ost-West-Richtung angeordnet und die Lokalbahn-Remise abgerissen. Vier Jahre nach Beginn des Umbaues konnten die Arbeiten kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwischen Gemünden und Hammelburg weitestgehend abgeschlossen werden. Damit war die Zeit der kurvigen und sparsam ausgestatteten Lokalbahn vorbei und das „neue Leben“ der Saaletalbahn als moderne, leistungsfähige eingleisige Hauptbahn konnte beginnen ... aber nur fast! Denn bis der erste Zug von Hammelburg nach Bad Kissingen planmäßig verkehren konnte und der Hauptbahnbetrieb aufgenommen wurde, mussten noch viele Jahre vergehen. Beide Weltkriege haben erheblichen Einfluss auf den Bahnbau im Saaletal genommen. Die Strecke hat alle Zeiten aber erfolgreich überdauert und bietet bis in unsere Zeit interessanten Betrieb!

Aber das ist eine andere Geschichte, von der ich zu einem späteren Zeitpunkt gerne berichten möchte. Geplant habe ich hierzu eine Extra-Rubrik „Saaletalbahn: Die Neubaustrecke“. Ich bitte jedoch noch um Geduld, denn viele Lokalbahnen in Franken warten noch auf ihre „Internet-Veröffentlichung“. Und das Thema dieser Homepage hat nun mal die Lokalbahn im Fokus. Aber soviel sei schon verraten, ein Abstecher ins Tal der Fränkischen Saale ist für Eisenbahnfreunde besonders lohnenswert, denn die Saaletalbahn bietet heute noch mit Formsignalen, Telegraphenleitung und besetzten Kreuzungsbahnhöfen den Flair der Nostalgie. Am Besten nutzt der Fotofreund das Fahrrad kombiniert mit modernen „Unterfranken-Shuttles“ der privaten Erfurter Bahn (EIB), denn die Bahnstrecke versteckt sich gerne mal für das Auto fast unerreichbar im tiefen Tal. Viel Spaß also bei der Erkundung und vielleicht entdeckt ihr auch noch die Reste der alten, ersten Bayerischen Lokalbahn.

Karte der Neubaustrecke

Saaletalbahn
Oberfranken
Mittelfranken
Unterfranken
AuraKreuzweg
SaaleKarteOst1
SaaleKarteWest

Text: Jürgen Dill

Quellen:

Lautertalbahn heute

Die Saaletalbahn damals & heute

Diese Bildergalerie zeigt die Saaletalbahn meist in heutiger Form. Aber auch Aufnahmen früherer Tage und zu Zeiten der alten Lokalbahn zeugen von wechselvoller Geschichte. Aufsteigend nach Streckenkilometer kann man entdecken was diese reizvolle Strecke für den Natur- und Bahnliebhaber alles zu bieten hat. Dabei sind bewusst historische Aufnahmen mit Abbildungen unserer Zeit vermischt worden um Werden und Wandel der alten Lokalbahn deutlich zu machen.

Mit einer guten Wanderkarte kann der mobile Eisenbahnfreund, am Besten per Fahrrad und Bahnfahrt die teils von Straßen abgelegene Saaletalbahn erkunden. Mit einem “Klick” auf das Foto ist ein Besuch der Strecke aber auch auf dieser Seite zu erleben. Viel Spaß dabei.

4 Abbildungen in der Galerie

Literatur-Tipp

Fränkisches Saaletal

Betriebsstellen der Lokalbahn

Streckenchronik der Lokalbahn (Gemünden - Hammelburg)

Kursbuchstrecke 418c Gemünden - Hammelburg ( - Bad Kissingen)

Streckenchronik der Hauptbahn (Gemünden - Hammelburg - Bad Kissingen)

Beginn Weiterbau bis Bad Kissingen

 

Sommer 1914 / März 1919

 

technische Abnahme der Neubaustrecke

 

04.01.1924

 

Eröffnungsfeier der Neubaustrecke

 

14.04.1924 (Hammelburg - Bad Kissingen)

 

Aufnahme des planmässigen Betriebs

 

15.04.1924 (Hammelburg - Bad Kissingen)

 

Umwandlung zur Hauptbahn

 

Sommer 1928 (Gesamtstrecke)

 

Einstellung Personenverkehr (Sa, So)

 

00.00.0000

 

Wiederaufnahme Personenverkehr (Sa, So)

 

00.00.0000

 

Übernahme der Personenzüge durch EB

 

12.12.2004 (Erfurter Bahn - EB)

 

 

 

 

 

Gesetz zum Bau und Betrieb

 

01.02.1880

 

Baubeginn

 

10.07.1883

 

technische Abnahme

 

18.07.1884

 

Eröffnungsfeier

 

01.07.1884

 

Aufnahme des planmässigen Betriebs

 

02.07.1884

 

Gesetz zum Ausbau in eine Hauptbahn

 

26.06.1908

 

Beginn der Umbauarbeiten

 

1910

 

Abschluss der Umbauarbeiten

 

1914

 

Betriebsführung als Hauptbahn

 

Sommer 1928 (Gesamtstrecke)

 

Betriebsstellen der Neubaustrecke

Hammelburg

 

km 27,5

 

Westheim - Langendorf

 

km 31,6

 

Elfershausen - Trimberg

 

km 35,2

 

Euerdorf

 

km 39,8

 

Bad Kissingen

 

km 46,9

 

Der zweite Wert ist die Kilometerangabe nach dem Umbau

Gemünden (a. Main)

 

km 0,0

 

km 0,0

 

Kleingemünden

 

km 2,0

 

km 1,9

 

Josefshaus

 

km 2,7

 

aufgelöst

 

Schönau

 

km 5,4   

 

km 5,3

 

Wolfsmünster

 

km 9,2

 

km 9,0

 

Seewiese

 

km 11,0

 

aufgelöst

 

Gräfendorf

 

km 12,4

 

km 12,2

 

Hurzfurt

 

km 13,8

 

aufgelöst

 

Michelaubrück

 

km 15,9

 

km 15,8

 

Weikersgrüben

 

km 17,9

 

km 17,8

 

Morlesau

 

km 20,1

 

km 19,9

 

Diebach

 

km 24,3

 

km 24,0

 

Hammelburg

 

km 27,8

 

km 27,5